Newsletter 5/09: Evangelisch in München

19.05.2009 - Newsletter

Liebe Leserin, lieber Leser,

Mitternacht am Münchner Hauptbahnhof. Eine schauerlich anmutende Prozession bewegt sich auf die Hofkirche St. Kajetan zu. Der Leichenzug, der u.a. aus den bayerisch königlichen Prinzen Otto, Luitpold, Leopold, Arnulf und Adalbert sowie zehn protestantischen Geistlichen besteht, ruft trotz später Stunde die Anteilnahme einer nicht geringen Menschenmenge hervor. Die Tote ist Amalie von Griechenland, die Witwe König Ottos, die neben ihrem Gemahl in der Theatinerkirche beigesetzt werden soll.

Amalie von Griechenland
Amalie von Griechenland (Gemälde: Joseph Karl Stieler)

St. Matthäus

St. Matthäus, eingeweiht 1833, Blick vom Karlsplatz Richtung Sendlinger-Tor-Platz (Grafiksammlung Orte)

Als protestantische Königin stellt sie für das katholische Bayern ein Kuriosum dar. Wie wird die Beerdigung ablaufen? Muss die protestantische Geistlichkeit vor der Tür bleiben, wenn die Prozession in die Kirche einzieht? Schließlich war das bereits zweimal der Fall, als die Gemahlin Königs Max I., Königin Karoline, beigesetzt wurde. Weder Totengesänge noch Gebete begleiteten die Leiche in die Gruft. Auch Königin Therese, Frau von Ludwig I., wurde ohne evangelische Einsegnung beerdigt.

Dekan Karl Buchrucker bestreitet mit einer kurzen Anrede, einem Gebet, dem Vaterunser und der Einsegnung eine Premiere: Als erster protestantischer Klerikaler führt er mit der Duldung der katholischen Kirche die Beisetzung eines Mitglieds des bayerischen Königshauses durch. Die Zeremonie hinterlässt tiefen Eindruck bei der Münchner Bevölkerung. Ergreifend schildert Buchrucker, welch Dank die Trauergemeinde Gott entgegenbringt für den Umstand, dass die Königin im Laufe ihres Lebens nicht den großen weltlichen Versuchungen erlag. Der Ablauf zeigt, dass Buchrucker ein Zeichen setzte im streng katholisch geprägten Bayern. Durch seine Worte und Aktionen in der Öffentlichkeit – wie etwa bei Totenreden – prägte er das Erscheinungsbild der evangelischen Kirche in München entscheidend, nicht zuletzt auch durch die während seiner Amtszeit gebauten Kirchen St. Markus und St. Lukas.

Karl Buchrucker
Karl von Buchrucker, Königlich bayerischer Oberkonsistorialrat (Foto: Archiv der Inneren Mission München)

St. Markus

Durch sein rhetorisches Geschick und seine Führungsqualitäten konnte er erfolgreich vermittelnd auftreten zwischen Arbeitern und Bürgern, Arm und Reich und besonders zwischen dem katholischen Klerus und der evangelischen Kirche. Das Leben und Werk des Geheimrats und Oberkonsistorialrats Karl Buchrucker ist jetzt zum 125-jährigen Jubiläum der Inneren Mission endlich in einem Buch nachzulesen, das einen tiefen Einblick in das Wirken des protestanistsche München des 19. Jahrhunderts gewährt.

St. Markus, Gabelsberger Straße, 1876 eingeweiht, im 2. Weltkrieg zerstört (Foto: Stadtarchiv München)
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Evangelisch in München

Autor: Marita Krauss
ISBN: 978-3-937200-64-4
Ausstattung: Hardcover mit Schutzumschlag 224 Seiten, viele Abb.

19.90 €

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Florian Kaltenhäuser
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