Bayerische Geschichte(n) 20/2011: Der Grassauer Zimmermann und die Dampfschifffahrt

09.12.2011 - Newsletter

Franziska Gräfin zu Reventlow (1871–1918) zog es immer wieder in den Chiemgau, um Inspiration und Ruhe zu finden. Die als „Skandalgräfin“ und „Schwabinger Gräfin“ bekannte Figur der Bohème arbeitete als Schriftstellerin, Malerin und Übersetzerin.

Liebe Leserin, lieber Leser,

um das Jahr 1840 herum hatte der Grassauer Zimmermann Wolfgang Schmid einen Traum, der sein ganzes Denken vereinnahmte. Ganze Tage und Nächte schloss er sich in sein Arbeitszimmer ein, saß über Zeichnungen und Plänen, Kalkulationen und Berechnungen, die er sogar vor seiner eigenen Familie geheim hielt. Nur wenn er es gar nicht mehr im Haus aushielt, sah man ihn stundenlang gedankenverloren am Chiemseeufer entlang wandern und die Einbäume beobachten – aus ganzen Eichenbaumstämmen geschnitzte Boote, die seit den Zeiten der Germanen die gebräuchlichen Fortbewegungsmittel auf dem See waren.

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Der Schaufelraddampfer „RMS Ludwig Fessler“ ist seit 1926 der Stolz der Chiemsee-Schifffahrt und befördert nach wie vor ganzjährig unzählige tausend Touristen zur Herren- und Fraueninsel.

Rund fünfzehn Jahre zuvor hatte sich die erste Münchner Künstlerkolonie auf der Fraueninsel sesshaft gemacht. Ihre Anwesenheit und ihre Werke lockten im Zuge dessen immer mehr Münchner Naturschwärmer in den Chiemgau – und sie alle mussten irgendwie über den See geschafft werden. Das war es, was Schmid den Schlaf raubte. Fischerboote und Einbäume genügten bei Weitem nicht mehr. Schließlich stellte er nach jahrelanger Arbeit des Planens, Konstruierens und Bauens der staunenden, kopfschüttelnden und durchweg skeptischen Öffentlichkeit sein ehrgeiziges Projekt vor: Ein selbst entworfenes Dampfschiff. Denn der als Sohn eines Mesners und Bauern geborene Zimmermann wollte nicht weniger, als auf dem „Bayerischen Meer“ die Dampfschifffahrt zu etablieren, und das zu Zeiten, als so etwas höchstens schon im fernen Übersee Realität war.

Schloss Herrenchiemsee, ab 1878 unter Ludwig II. nach dem Vorbild von Versailles errichtet, sollte nie dem gemeinen Volk zugänglich gemacht werden. Zur Zeit der Erbauung von so manchem Zeitgenossen scharf kritisiert, ist es heute der Publikumsmagnet des Chiemgaus schlechthin.

Die erste öffentliche Probefahrt fand am 1. Juni 1843 vor einem nicht allzu großen Häuflein Schaulustiger statt, die mit ihrem Spott über den selbsternannten „Kapitän von Grassau“ nicht hinterm Berg hielten. Denn als man das futuristische Fortbewegungsmittel erst einmal ausführlich begutachtet hatte, war man endgültig zu dem Schluss gekommen: So etwas würde sich niemals durchsetzen! Und wie um der Öffentlichkeit recht zu geben, begannen alsbald die ersten Schwierigkeiten: Zwar wurde das bestellte Feuerungsmaterial rechtzeitig angeliefert, allein, es fehlte Schmid vor Ort an Geld, es zu bezahlen. Zu tief hatte er für seinen ehrgeizigen Traum schon in die Tasche gegriffen. Und so blieb dem Zimmermann nichts anderes übrig, als in Feldwies von Tür zu Tür zu ziehen und unter den hämischen Kommentaren der Zuschauer um ein wenig Feuerholz zu bitten.

Der am 21. Januar 1867 in Oberammergau als Sohn eines Försters geborene Ludwig Thoma wurde vor allem durch seine satirisch scharfzüngigen und überspitzt realistischen Beobachtungen populär und nahm dabei auch den Chiemgau immer wieder aufs Korn.

Als die Fahrt endlich losging, hatten sich immerhin elf todesmutige Passagiere bereit gefunden, das Schiff zu betreten. Auf der Fahrt zur Fraueninsel ging zwar noch alles gut, doch war mitten auf dem See der Holzvorrat zu Ende und die Maschine stoppte. Guter Rat war teuer! Doch inmitten der größten Aufregung griff Schmid kurzentschlossen zur Hacke und schlug die Sitzbänke der Passagiere klein. Derart mit weiterem Brennholz versehen, konnte die Fahrt fortgesetzt werden und man erreichte unter zunehmender Heiterkeit noch vor Einbruch der Dunkelheit das heimatliche Ufer. Das Experiment galt zu guter Letzt doch noch als geglückt und am 7. Juli 1843 erhielt Schmid hochoffiziell die staatliche Konzession zum „Betrieb einer Dampfschifffahrt auf dem Chiemsee“.

Das ist nur eine der über 120 Geschichten und Begebenheiten aus dem Buch „Große Bühne Chiemgau“, das Texte namhafter Historiker, Literaten und Chronisten aus zwei Jahrhunderten zu einem vergnüglichen und informativen Lesebuch rund um den Chiemgau versammelt.

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Große Bühne Chiemgau

Herausgeber: Klaus Bovers
ISBN: 978-3-86222-044-1
Ausstattung: Hardcover, 22 x 14 cm, ca. 320 Seiten

19.90 €