Bayerische Geschichte(n), 18/2019: Die Goldenen Zwanziger auf dem Land

22.11.2019 - Newsletter

Mitte der 1920er Jahre deckten bei klein- und mittelbäuerlichen Betrieben noch Familienarbeitskräfte einen Großteil des Arbeitsbedarfs (Quelle: Bezirk Oberbayern, Archiv Freilichtmuseum Glentleiten, Foto: unbekannt).

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Ende des Ersten Weltkriegs läutete eine Zeit der Unsicherheit und Umbrüche ein. Die Schrecken des Krieges waren omnipräsent, die wirtschaftliche Lage prekär. Das Land musste neu aufgebaut werden. Der Einzug der neuen Energieform Strom kam da gerade recht. Doch während in den Städten die beginnende Elektrifizierung innerhalb kürzester Zeit für spürbare Erleichterungen im Arbeitsleben sorgte, vollzog sich die Etablierung der neuen Energieform auf dem Land nur schleichend. Zunächst beschränkte sich die Entwicklung lediglich auf die Veränderung des Landschaftsbildes. Leitungsmasten aus Metall oder Holz mit Isolatoren, Stromleitungen, Umspannwerken und Transformatorenhäuser prägten den öffentlichen Raum.

Trotz des zunehmenden Einsatzes von Elektromotoren zum Antrieb von landwirtschaftlichen Maschinen spielten vor allem bei der Getreidedrusch fahrbare Dampfmaschinen, sogenannte Lokomobile, weiterhin eine große Rolle (Quelle: Chronik Trachtenheimat Gauverband I, Traunstein 1989).

Erst nach und nach, etwa Mitte der 1920er Jahre, waren die positiven Auswirkungen der Elektrifizierung und damit die „Goldenen Zwanziger Jahre“ auch auf dem oberbayerischen Land spürbar. Innerhalb eines knappen Jahrzehnts wurde der einst von Mensch und Tier in enger Zusammenarbeit betriebene Ackerbau zum großen Teil elektrisch; dank des Einsatzes von Getreideputzmaschinen, Sämaschinen, Düngerstreumaschinen, Dresch- und Häckselmaschinen sowie Schrotmühlen in klein-, mittel- und großbäuerlichen Betrieben wurde die Landwirtschaft intensiviert und der Ertrag von Feld, Wiese und Viehhaltung um ein Vielfaches gesteigert. Gleichzeitig sorgte der Einsatz von Strom auch im kulturellen Bereich für Innovationen. Filme brachten unterhaltsame Abwechslung in das Leben der Landbevölkerung, auch wenn diese anders als in den Städten nicht in eigens dafür errichteten Kinos, sondern in Gasthäusern oder Gemeindesälen aufgeführt wurden.

Zwei Melkerinnen selbstbewusst in Hosen. Bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten wurde das neue Beinkleid gebilligt, dabei war es jedoch so weit geschnitten, dass darunter Röcke Platz hatten (Foto: Bezirk Oberbayern, Archiv Freilichtmuseum Glentleiten).

Parallel zu diesen Entwicklungen brachten die 1920er Jahre auf dem Land aber auch eine zunehmende Selbstbestimmung und Emanzipierung der Frau hervor. Frauen eroberten sich nach dem Ersten Weltkrieg, in dem ihre Mitarbeit in Industrie und Landwirtschaft unerlässlich gewesen war, mehr und mehr einen Platz in der Arbeitswelt. Es war auch diesem Umstand geschuldet, dass die Kleidung der 1920er Jahre insgesamt einfacher und bequemer wurde. Man trug nun Kleidung, die praktischer war: gekürzte Röcke und in Ausnahmefällen wie im Sport oder in der Landwirtschaft sogar Hosen.

In zehn Beiträgen nehmen die Autorinnen und Autoren in „Eine neue Zeit“ gezielt den ländlichen Raum Oberbayerns in den Zwanziger Jahren in den Blick und spüren dem Alltag der Bevölkerung auf dem Land nach. Dabei spannen Sie einen Bogen vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten, von gesellschaftlichen Meilensteinen wie der Einführung des Frauenwahlrechts bis zu den Neuerungen in Kultur und Mode. Zahlreiche historische Abbildungen ermöglichen eine bislang vernachlässigte Perspektive auf die „Goldenen Zwanziger Jahre“. 

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Eine neue Zeit

Herausgeber: Jan Borgmann, Monika Kania-Schütz
ISBN: 978-3-86222-307-7
Ausstattung: Broschur, 204 Seiten, mit zahlreichen historischen Abbildungen

24.90 €