Bayerische Geschichte(n), 17/2019: Biografie eines Überlebenden

18.11.2019 - Newsletter

Das Familienfoto, das anlässlich der Hochzeit seines Onkels Sigismund Ebstein am 8. November 1936 entstand, ist das einzige Bild, dass Alex Ebstein von seinen Eltern geblieben ist. Neben Adolf und Rachel Ebstein (3. und 4. von links) ist auch seine Schwester Eva abgebildet (hinterste Reihe, vor der Uhr stehend). Alex Ebstein ist der Junge rechts unten (Foto: Privatbesitz Ruth Borrmann, Schweiz).

Liebe Leserin, lieber Leser,

an einem Novembertag des Jahres 1941 klingelte es bei der jüdischen Familie Ebstein in Breslau an der Wohnungstür. Längst litten die jüdischen Einwohner der Stadt unter den vielen Repressalien, auch der Alltag des 15-jährigen Alexander, genannt Alex, war von Verboten, Entwürdigung und Schikane geprägt. An diesem Tag öffnete er zwei mit schweren Ledermänteln bekleideten Gestapo-Beamten die Tür, die nach seiner älteren Schwester Eva fragten. Unbedacht gab er ihnen die Auskunft, dass sie noch in der Arbeit sei. Zwei Stunden später kamen die Gestapo-Beamten wieder und nahmen die junge Frau, die inzwischen von ihrer Familie nach Hause geholt worden war, mit. Alex Ebstein sollte seine Schwester nie wiedersehen: Sie wurde mit einem Judentransport nach Kaunas in Litauen gebracht und dort ermordet.

Die Einfahrt zur Rampe von Auschwitz-Birkenau (Foto: Bundesarchiv)

Nach dem Zwangsumzug in ein „Judenhaus“, in dem sich die Familie zu dritt ein kleines Zimmer teilen musste, wurden am 5. März 1943 auch Alex und seine Eltern Adolf und Rachel Ebstein abgeholt und, in einen Viehwaggon gesperrt, nach Auschwitz transportiert. Gleich nach der Ankunft wurden die Männer von den Frauen getrennt. Alex erfuhr nur wenig später, dass seine Mutter schon kurz nach der Trennung umgebracht worden war. Anders als Rachel Ebstein stufte man Alex und seinen Vater als arbeitsfähig ein, sie mussten im Arbeitslager Auschwitz-Monowitz unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit leisten. Bald war Adolf Ebstein zu ausgezehrt für die Strapazen – am 4. Juni 1943 wurde er nach Birkenau gebracht und dort ermordet. Alex Ebstein hatte seine ganze Familie verloren.

Alex und Luise Ebstein mit ihren beiden Kindern Werner und Ruth, 1954 (Foto: Werner Ebstein)

Das Herannahen der russischen Armee führte im Januar 1945 zur Auflösung des Lagers Monowitz, die Häftlinge wurden in weiter westlich gelegene Konzentrationslager transportiert. Nach Zwischenstationen in Mauthausen und Sachsenhausen kam Alex Ebstein schließlich in das KZ Flossenbürg, wo er dank eines ebenfalls aus Breslau stammenden Kapo im „Kommando Weberei“ und nicht im gefürchteten Steinbruch arbeiten konnte. Hier, am Endpunkt seiner Tortur, fand Alex Ebstein erstmals den Kontakt zu Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Die Standhaftigkeit und Hilfsbereitschaft der sogenannten „Bibelforscher“ beeindruckten den jungen Mann nachhaltig, gaben ihm unerhofften Trost und Halt. Auch nach seiner Befreiung im April 1945 suchte er weiter die Begegnung und ließ sich schließlich im August desselben Jahres als Zeuge Jehovas taufen. Bald lernte Alex Ebstein seine Frau Luise kennen und gründete in München eine Familie. Bis zu seinem Tod engagierte er sich sehr in der dortigen Gemeinschaft der Zeugen Jehovas.

Auschwitz, Sachsenhausen und Flossenbürg – Orte, die untrennbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden sind. Alexander Ebstein überlebte alle drei Konzentrationslager. Der Biograf Christoph Wilker traf sich fünf Jahre lang zweimal im Monat mit dem 2015 verstorbenen Zeitzeugen. Nach seinen Berichten erzählt Wilker nun in „Und wieder war ich gerettet“ eindrücklich von Ebsteins Jugend in Breslau, von seinem schier unfassbaren Leidensweg und dem Schrecken der Lager, aber auch von der ungebrochen positiven und lebensbejahenden Haltung eines beeindruckenden Menschen.

original

Und wieder war ich gerettet

Autor: Christoph Wilker
ISBN: 978-3-86222-315-2
Ausstattung: Hardcover, 200 Seiten, mit über hundert Abbildungen

14.90 €