Bayerische Geschichte(n), 11/2016: Kritische und Eisenbahner

30.06.2016 - Neuerscheinungen, Newsletter

König Ludwig II. als „Maxi“ auf einer historischen Spielkarte um 1900 (Abbildungen: Sammlung Manfred Hausler)
König Ludwig II. als „Maxi“ auf einer historischen Spielkarte um 1900 (Abbildungen: Sammlung Manfred Hausler)

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Watten ist ja bekanntlich eine Wissenschaft für sich, zumal in Bayern. Dort gilt es, gleich nach dem Schafkopf, als bayerischstes aller Kartenspiele. Zwischen München und Rosenheim wird man es nicht gerne hören, aber das Schafkopfen war in Franken schon seit Längerem ein beliebter Zeitvertreib nach dem sonntäglichen Kirchgang, bevor fränkische Beamte des jungen Königreichs Bayern, die von der königlichen Obrigkeit nach Altbayern versetzt worden waren, das Spiel auch hierzulande populär machten. Und auch das Watten ist keine bayerische Erfindung: Es entstand wohl im habsburgischen Tirol, im heutigen Trentino, und hat italienische Wurzeln. Die frühen Gastarbeiter des 19. Jahrhunderts haben es über die Alpen gebracht. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der bayerische Ludwig II. zumindest kurzzeitig als „Herz-König“ herhalten durfte – allerdings heißt der beim Watten „Maxi“.

Der bayerische „Belli“ und sein Vorfahr, der italienische „Settebello“
Der bayerische „Belli“ und sein Vorfahr, der italienische „Settebello“

Doch damit nicht genug der Internationalität: Die drei stichwertig höchsten Karten beim Watten werden die „Kritischen“ genannt, in manchen Gegenden aber auch „Griechische“ oder „Griechen“. Vermutlich hat da jemand am Stammtisch nicht genau hingehört – wie übrigens auch schon beim Namen des ganzen Kartenspiels, der sich wohl vom italienischen Wort „battere“ für schlagen ableitet und durch Lautverschiebung zu „watten“ wurde. Und auch der Schellen-Siebener als zweithöchster Trumpf, der bayerische „Belli“, der gerne mit der mundartlichen Bezeichnung für den Kopf in Verbindung gebracht wird, ist in Wirklichkeit ein Italiener: In italienischen Spielkarten gibt es nämlich den „Schönen Siebener“, den „Settebello“.

Die dritte Kritische, der Eichel-Siebener, im Bayerischen Einfachbild
Die dritte Kritische, der Eichel-Siebener, im Bayerischen Einfachbild

Der Eichel-Siebener, der geringste unter den drei Kritischen, führt neben der gesellschaftsfähigen Bezeichnung „Spitz“ oder „Spitzi“ auch so unfeine Spitznamen wie „Soacher“, „Biesler“ oder „Bettsoacher“. In der Oberpfalz nennt man ihn auch den „Bsoichten“ oder „Gsoichten“, also den Angebieselten. Das mag daran liegen, dass man mit diesem niedrigsten der drei Trümpfe gerne einmal „ausgeschmiert“ oder eben „angebieselt“ ist. Noch kurioser wird es schließlich mit dem „Eisenbahner“, der Spielkarte mit der Zahl „X“. Er hat seinen Ursprung in einer Karte, auf der im 16. Jahrhundert eine Fahne oder ein Banner aufgedruckt war. Als sich in Zeiten moderner Transportmittel niemand mehr an das Banner auf der Zehnerkarte erinnern konnte, verballhornte man die Bannerkarte zum „Bahner“ – und schließlich zum „Eisenbahner“.

Manfred Hausler gilt als „Papst der bayerischen Spielkarten“. Sein Buch „Trommler und Pfeifer“ ist das Ergebnis von drei Jahrzehnten Forschungsarbeit. Es gilt als Standardwerk zur Geschichte der bayerischen Spielkarten, die es wissenschaftlich fundiert, aber allgemeinverständlich aufbereitet darstellt. Es ist gleichermaßen Nachschlagewerk für Sammler und Wissenschaftler wie unterhaltsame Einführung für Laien. Jetzt ist es in einer überarbeiteten Neuauflage wieder erhältlich.

original

Trommler und Pfeifer

Autor: Manfred Hausler
ISBN: 978-3-937200-89-7
Ausstattung: Hardcover, 216 Seiten, mit über 300 Abb. in Farbe
Auflage: Neuauflage 2016

28.00 €